IMG_3881

Per Anhalter nach Lissabon (2)

Kommentare 0
Journal, Per Anhalter nach Lissabon, Reisen

Good luck to all hitch-hikers – Dara & Mitzy (Ireland)

Der Satz steht mit dickem Edding an die Toilettentüre der Raststätte geschrieben. Unwillkürlich überkommt mich eine Gänsehaut und ich frage mich, wie Dara und Mitzy von unserem Abenteuer wissen konnten, denn ganz offensichtlich hatten sie diese Nachricht ganz speziell für uns geschrieben. So jedenfalls fühlte es sich an.

Am Morgen waren wir in Toledo zu unserer letzten Etappe aufgebrochen. Knapp 600 km trennen uns nur noch von Lissabon. Die A5 führt an Toledo vorbei direkt nach Portugal. Wenn wir es auf eine Raststätte an der Autopista schaffen würden, sollte der Rest ein Kinderspiel sein.

Zunächst aber müssen wir erst mal raus aus der Stadt. Das ist in der Regel der schwierigste Teil des Hitchhikens. Noch im Hostel legen wir uns einen groben Plan zurecht und suchen uns auf der Karte Orte aus, von denen wir glauben, dass die Chance dort relativ groß sei mitgenommen zu werden. Zufahrtsstraßen oder Kreisverkehre in Autobahnnähe sind dafür am besten geeignet, die tatsächlichen Begebenheiten vor Ort können wir allerdings nur erahnen. Wichtig ist, dass uns potentielle Fahrer früh genug sehen. Sie dürfen an der Stelle nicht zu schnell sein und müssen Platz und Zeit zum Anhalten haben.

Wir wollen früh los, weil die Temperaturen im Landesinneren im Sommer gerne auf über 35 Grad im Schatten ansteigen. Frühstück gibt es im Hostel erst ab acht Uhr, ich will die Zeit allerdings noch für einen kleinen Foto-Spaziergang im Morgengrauen nutzen. Also schlendere ich noch etwas schlaftrunken durch die leeren, verwinkelten Gassen, während sich die Sonne langsam über die verzinnten Mauern der historischen Altstadt schiebt.

Bis wir gefrühstückt und gepackt haben ist es zehn Uhr. Der Bus bringt uns bis an den Stadtrand. 20 Minuten später erreichen wir den Kreisverkehr unserer Wahl. Außer Straße, Sand und Sonne gibt es hier draußen nichts. Keine zehn Tage vorher hatten wir noch mit Jacke und Regencape an der Straße gestanden, heute brennt uns die Sonne die Haut vom Leib. Unseren kleinen Regenschirm funktionieren wir kurzerhand zum Sonnenschirm um. Wenn uns hier schon niemand aus reiner Nächstenliebe mitnimmt, dann vielleicht aus Mitleid.

Es dauert zwei Stunden, bis uns Ángel erlöst. Der Geschäftsführer von Siemens Healthcare in Spanien ist ein wahnsinnig interessanter Gesprächspartner. Von ihm lerne ich mein neues spanisches Lieblingswort: „Duende“. Übersetzt bedeutet es Kobold, bezeichnet aber auch Dinge oder Orte mit einem ganz besonderen, magischen Charme. Toledo sei für ihn eine von drei Städten in Spanien mit „Duende“. Sevilla hatte ich vor zwei Jahren schon kennen und lieben gelernt. Granada steht für die Rückreise auf dem Programm.

Mit Toledo im Rückspiegel muss ich an das Ziel unserer Reise denken. Lissabon ist für mich schon jetzt eine Stadt mit „Duende“, ohne dass ich sie jemals gesehen habe. Im Laufe der letzten zwei Jahre hat sich die Stadt am Tejo zu so etwas wie meinem Sehnsuchtsziel entwickelt. Der Roman „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier besiegelte dann endgültig den Entschluss zu meiner Reise. Und nun spüre ich, wie sich meine Vorfreude, die Spannung auf das uns erwartet, aber auch die Erwartungen mit jedem Tag und jedem Kilometer steigen.

Ángel setzt uns an einer ideal gelegenen Raststätte direkt an der A5 ab und verabschiedet sich mit den besten Wünschen. Wir kaufen uns eine Wassermelone und setzen uns in den Schatten. „Good luck to all hitch-hikers“. Das Glück können wir wirklich gebrauchen. Spanien gilt als sehr schwieriges Land um per Anhalter zu fahren. Ángel ist in Spanien der einzige Fahrer, der uns vom Straßenrand mitnimmt. Alle anderen Mitfahrgelegenheiten müssen wir uns mühsam erarbeiten, indem wir Leute direkt ansprechen.

Die besten Orte dafür sind natürlich Tankstellen, oder besser: Autobahnraststätten. Doch dahin zu kommen ist nicht immer einfach. Als wir in Bilbao Richtung Madrid mit Daumen und Pappschild keinen Erfolg haben, es aber laut Karte irgendwo in der Nähe eine Raststätte geben muss, versuchen wir es zu Fuß. Als wir den Ort endlich erreichen, müssen wir feststellen, dass zwischen uns und unserem Ziel ein Fluss durchs Tal rauscht und dahinter eine steile, wild bewachsene Böschung auf uns wartet. Während ich noch mit unserem Schicksal hadert, ist Simon schon den Hang um Fluss runtergeklettert und steht mit seinen Schuhen in der Hand knietief im Wasser. Vielleicht gibt es flussaufwärts eine Möglichkeit die Böschung hochzuklettern. Der Fluss ist etwa 15 Meter breit, aber hier scheint das Wasser nicht so tief zu sein. Ein paar größere Steine ragen aus dem Wasser heraus, dazwischen wirbelt die Strömung das Wasser so auf, dass man das Flussbett nicht sehen kann. Mir bleibt nichts anderes übrig als mich auf meine Balance und den Tastsinn meiner Füße zu verlassen. Der Rucksack auf dem Rücken und das Wissen um mein iPhone und meine Kamera im Gepäck machen das Unterfangen nicht leichter. Aber wie ist das noch: Der Weg ist das Ziel! Na gut, also irgendwie durch. Trotz der kurzen Nächte und anstrengenden Tage fühle ich mich plötzlich hellwach und quicklebendig.

Das andere Ufer erreichen wir schließlich schweißgebadet, aber mit trockenen Rucksack. Ein Pfad führt uns noch einige hundert Meter am Fluss entlang, bis wir zu unserer Erleichterung eine Stelle in der Böschung finden, die nicht komplett zugewachsen war. Nach einer abenteuerlichen Kletterpartie stehen wir vor unserer Raststätte. Zur Belohnung gibt es einen kräftigen Schluck aus der kleinen Whiskey-Flasche, die für besondere Momente auf der Reise bestimmt ist: zum Aufmuntern nach Niederlagen oder zur Feier von kleinen Erfolgen. Letzteres ist mir eindeutig lieber.

„Perdon, estamos haciendo autostop a Lisboa y buscamos un viaje en direción de Portugal.“ Das Ansprechen von fremden Menschen verlangt immer wieder neu Überwindung, aber mit der Zeit werden wir etwas sicherer und ich freue mich schon auf meinen zwei-wöchigen Spanisch-Kurs, den ich im Anschluss an Lissabon in Valencia machen werde. Ich bin froh, dass Simon dabei ist, der auch Situationen bewältigen kann, in denen ich nur noch Spanisch verstehe, sozusagen.

Für die letzte Etappe unserer Reise ergibt sich dann aber noch mal eine ganz besondere sprachliche Herausforderung. António, ein Portugiese, der geschäftlich in Madrid unterwegs und nun auf dem Rückweg nach Portugal ist, spricht kein Englisch und nur sehr gebrochen Spanisch. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – ist diese Fahrt für mich eine der eindrücklichsten unserer ganzen Reise. Die Frage, was unsere Fahrer davon haben, wenn sie uns mitnehmen, konnten wir bisher immer ganz gut beantworten. Sie freuen sich über Gesellschaft und die ein oder andere Geschichte. Viel mehr können wir ihnen ja auch gar nicht bieten. Für António stellt sich das anders dar. Abgesehen von der Tatsache, dass wir uns kaum verständigen können, hat er als Geschäftsführer eines Architektur-Büros mit mehr als 70 Mitarbeitern sicherlich andere Dinge im Kopf. Während der Fahrt führt er geschätzte 30 Telefonate und seine Termine kann er nur deswegen einhalten, weil er mit 200 Sachen über die Autopista prescht. Trotzdem haben wir nie das Gefühl, dass wir ihm eine Last seien.

António hat am Abend noch einen geschäftlichen Termin in Safara, einem winzigen Dorf hinter der portugiesischen Grenze. Er bietet uns an, ein Hotelzimmer im nahegelegenen Moura für uns zu reservieren und uns dann am nächsten Tag in aller Frühe direkt nach Lissabon zu fahren. Wir nehmen dankbar an und fahren weiter Richtung Portugal, der schon tief stehenden Sonne entgegen. Als die Scheibe langsam hinter den sanften Hügeln des portugiesischen Hinterlandes verschwindet, sitzen Simon und ich auf einer Bank vor den Häusern von Safara und genießen eine Idylle, wie ich sie mir für Portugal nicht schöner hätte ausmalen können. Ein paar ältere Herren mit Schiebermütze sitzen auf den Stufen vor der Kirche, zwei Kinder spielen im Staub Fußball. In der Ferne Hundegebell. Weit weit weg die Hektik des Alltags.

Davon lässt sich nun auch António anstecken. Nach einer guten Stunde holt er uns ab und verkündet, dass er gerade einen Deal über 50.000€ abgeschlossen hat. Zur Feier des Tages lädt er uns ins Restaurant „O Trilho“ ein. Warum wir dort Haifischsuppe essen erschließt sich mir nicht so ganz, aber es ist mir auch egal. Ich fühle mich gut, als wir durch die von den Straßenlaternen in gelbliches Licht getauchten Gassen von Moura spazieren. Die Nacht verbringen wir in einem zum Hotel umfunktionierten Palast, der mit Abstand schönsten Bleibe unserer Reise und für 22€ pro Person unglaublich günstig.

Am nächsten Morgen stehen wir mit der Sonne auf, genießen ein königliches Frühstück im Speisesaal und setzen uns ein letztes Mal ins Auto.

16 Tage und fast 2.800 km liegen hinter uns, als wir über die 17 Kilometer lange Ponte Vasco da Gama nach Lissabon reinfahren. Die Morgensonne im Rücken lässt die Stadt weiß erstrahlen, in der Ferne die grünen Hügel von Sintra und eine Ahnung vom Atlantik, der sich bis weit hinter den Horizont erstreckt. Wir haben es geschafft!

Hinterlasse eine Antwort