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Per Anhalter nach Lissabon (1)

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Journal, Per Anhalter nach Lissabon, Reisen

Als Javi die zweite Flasche Rioja anbricht und ich der spanischen Unterhaltung nicht mehr so ganz folgen kann, klinke ich mich für einen Moment aus und lasse die Szene einfach auf mich wirken. Simon und ich sitzen mit unserern Gastgebern in der Küche, vor uns eine selbstgemachte Tortilla, vier Sorten Käse und kleine, gedünstete Paprikas, die sie neben ihren Tomaten und den drei Hanfpflanzen auf dem Balkon ihres Apartments im Casco Vieja von Bilbao anbauen. Arturo ist Künstler, sein Lebensgefährte Javi ein bisschen Philosoph, ein bisschen Historiker, offiziell aber Bauzeichner und des englischen nicht mächtig. Also diskutieren wir auf Spanisch, so gut es geht, bis spät in die Nacht.

Es sind Momente wie diese, die uns zu unserer Reise inspiriert haben. Per Anhalter nach Lissabon, ein Leben am Straßenrand und auf den Sofas fremder Menschen, vollkommen abhängig von der Hilfsbereitschaft anderer, offen für alles und jeden, dem wir auf unserer unkonventionellen Reise begegnen.

Oder eben nicht gegegnen… Denn die allermeisten Menschen fahren einfach an uns vorbei ohne uns auch nur eines Blickes zu würdigen. Einige grinsen uns an, als hätten sie noch nie Anhalter gesehen (haben sie vielleicht auch nicht). Andere zucken mitleidig mit den Schultern oder versuchen uns klar zu machen, dass sie keinen Platz oder keine Lust haben oder nicht in unsere Richtung unterwegs sind.

Nach einer halben Stunde Warten beginnen die Spekulationen: Stehen wir an der falschen Stelle? Ist die Beschriftung  auf dem Schild nicht gut? Nach einer Stunde schauen wir mal wieder auf die Karte und legen uns einen Alternativplan zurecht. Nach zwei Stunden macht sich existentieller Zweifel breit. Vielleicht hätten wir doch lieber zuhause bleiben oder einfach fliegen sollen? Es ist eine Lektion in Geduld! Am zweiten Tag halten wir bei Mulhouse fünf Stunden an der Straße durch, bevor wir unsere Bemühungen aufgeben und die vier Kilometer ins Stadtzentrum laufen um uns ein Hostel zu suchen.

Es dauert drei ganze Tage, bis wir Lyon erreichen. Dort verbringen wir einen unglaublich schönen Tag, bevor wir uns auf zur nächsten Etappe machen. Klar, der Weg ist das Ziel, aber es drängt sich die berechtigte Frage auf: Warum dieser ganze Aufwand?

Auf einer Tankstelle am anderen Ende von Mulhouse kommen wir mit Marc ins Gespräch, einem etwas verpeilten aber sehr herzlichen Typen um die 50, der mit seinem 20 Jahre alten Fiat Coupé von Bergen in Norwegen bis nach Marokko unterwegs ist. Er fährt die Strecke am Stück, schläft hin und wieder ein paar Stunden auf Rastplätzen und freut sich über die willkommene Abwechslung genauso wie wir. Der Kühler des Coupés funktioniert nicht, wir müssen also die Heizung auf volle Pulle warm stellen und während der Fahrt alle Fenster öffnen. Alles egal. Mit 90 Kilometern pro Stunde, einem großen Glücksgefühl und einer weiteren abgefahrenen Geschichte im Gepäck zuckeln wir über die Autobahn nach Lyon.

Ich bin gespannt welche Eindrücke diese Reise für mich persönlich hinterlassen wird. Jean-Claude, der uns von Sélestat nach Mulhouse mitnimmt, erzählt, wie er vor 40 Jahren als 16-jähriger durch Frankreich getrampt ist. Die Erfahrung, sagt er, war unendlich viel mehr wert, als die zwei Wochen Schulunterricht, die er damals geschwänzt hat.

In Bordeaux laufen wir gleich mehreren Hitchhikern über den Weg. Pollux und Justine sind in der Bretagne gestartet, Lucas in Delft. Alle sind auf dem Weg nach Portugal, wo Anfang August ein alternatives Elektro-Festival mit allerlei Kunst und Performance stattfindet. Das erklärt auch die aufgällig hohe Dichte an Regenbogen-Schlabberhosen, Dreadlocks und Backpacks sowie den Mangel an Couchsurfing-Unterkünften in Bordeaux.

Die erste Nacht verbringen wir in einem Hostel, für die zweite Nacht bekommen wir dann doch noch ganz spontan eine Zusage. Frederic ist mit Leib und Seele Musiker. Aber weder Chanson-Sänger noch Akkordeon-Virtuose, sondern knallharter Metal-Head. So sieht er aus und so lebt er. Seine Wohnung hat einen morbiden Charme. Aber als wir uns dann im Dick Turpin Inn noch mit seinen Freunden treffen, wird mal wieder jegliches Schubladendenken über den Haufen geschmissen. Ich liebe solche Momente und muss an Paolo Coelho denken, der mal sagte beim Reisen solle man lieber Bars besuchen als Museen, weil sich dort das wahre Leben abspielt.

Ich habe im letzten Jahr selber einige Couchsurfer gehostet und dabei ganz gute Erfahrungen gemacht. Eine Surferin sagte mal: „Ich couchsurfe nicht um zu reisen, sondern ich reise um zu couchsurfen“. So ähnlich könnte man den Grundgedanken unserer Reise formulieren.

Hätte ich jemals Zweifel am Prinzip Couchsurfing gehabt, er wäre gleich am ersten Abend unserer Reise vollständig vernichtet worden. An unserem Startpunkt, der Raststätte Denkendorf bei Stuttgart wurden wir von Thomas aufgesammelt, der eigentlich direkt bis nach Lyon durchfahren wollte. Wir wähnten uns schon im Hitchhiker-Himmel, bis uns kurz hinter der Grenze die Gendarmerie in Gambsheim ein Strich durch die Rechnung machte. Thomas hatte nur Kopien der Fahrzeugpapiere bei sich und durfte deswegen nicht weiterfahren. Bis wir eine Fahrt nach Strasbourg gefunden hatten vergingen gute zwei Stunden. Und noch mal so lange standen wir an einer Autobahnauffahrt in der Hoffnung noch nach Dijon weiterfahren zu können. Als die Straßen um neun Uhr abends praktisch leer waren, mussten wir einsehen, dass wir hier heute nicht mehr wegkommen.

Im McDonalds schickten wir schnell noch ein paar verzweifelte Couch-Anfragen raus. Es war Montag abend, nach zehn Uhr und wir gedanklich schon in einem knarzenden Etagenbett. Als ich gerade meinen Personalausweis auf den Tresen in der Rezeption des Hostels legen wollte, kam eine Nachricht von einem potentiellen Host mit der Frage ob wir denn schon eine Schlafmöglichkeit gefunden hätten, wir könnten sonst gerne bei ihr pennen! Wenig später saßen wir bei Charlotte in der Küche, aßen Eier à al coque mit Käse, schlürften Tee aus dem Iran und tauschten uns über unsere (noch wenigen) Erfahrungen beim Hitchhiken aus. Am nächsten Tag verabschiedeten wir uns von ihr wie von einer guten Freundin, die wir lange nicht mehr gesehen hatten.

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